Der Hackbrettkomponist Rudi Spring - Ein persönlicher Nachruf von Birgit Stolzenburg

Rudi Spring liebte das Hackbrett. Anfänglich wegen der faszinierenden Möglichkeit, jegliche Stimmung auf diesem Instrument mit den frei schwingenden Saiten realisieren zu können. Gut, auf einem Klavier wäre das auch möglich, aber wer würde schon ein ganzes Klavier in eine der von Rudi Spring errechneten sogenannten Naturtonstimmungen versetzen.

Die Invokationen für Naturtonhackbrett waren auch die ersten Kompositionen von Rudi Spring, die ich hörte, vorgetragen von der Hackbrettspielerin Marianne Kirch. Virtuose, schnelle, rhythmische Musik, rauschhaft im Nachklang, in dem keinerlei „falsche“ Obertöne den Klang verunreinigten, stimmungsvoll und magisch. Nie klang ein Hackbrett schöner.

Natürlich ist das nicht jedermanns Sache. Diese Verstimmungen, teilweise extrem in ihrer Dissonanz. Mir gefiel es aber schon deshalb, weil es etwas komplett Neues war, fern jeglichen Bezugs auf das „volksmusikhafte“ des Hackbretts, herausfordernd und wild. Und ziemlich schwer, technisch und vor allem rhythmisch. So präzise musste ich bis dahin noch selten mit meinen beiden Schlägeln agieren. Die Notierung der Rhythmen erst einmal verstehen, dann genauestens umsetzen. Auch die Tempi und feinstens abgestimmten Dynamikzeichen müssen akribisch genau ausgeführt werden. Sonst funktioniert diese Musik nicht. Aber wenn man es dann hinbekommt, kann man mit Rudis Springs Musik fliegen. Sie bereichert, macht Spaß, lässt das Instrument Hackbrett aufblühen.

Die meisten Kompositionen für Hackbrett von Rudi Spring sind natürlich in temperierter Stimmung, ganz „normal“ also. Und es gibt auch etliche, die einfach zu spielen sind. Hierzu gehören beispielsweise der Prolog und Epilog zu einem estnischen Schifferlied und Little Can(y)on. Sehr fein und atmosphärisch sind die Trios aus den Meditationen und überhaupt hat Rudi Spring in vielen seiner Hackbrettkompositionen das Feine und Atmosphärische des Instruments, das durch den ungedämpften Nachhall entsteht, in wunderbarer Weise in den Mittelpunkt gestellt.

Rudi Spring war einer der wichtigsten Komponisten für die Weiterentwicklung des Hackbrettspiels. Seine Stücke haben unser Spiel professionalisiert und uns bei dem Erreichen eines höheren Levels in technischer, rhythmischer und musikalischer Hinsicht entscheidend geholfen. Als die ersten Hackbrettkompositionen von Rudi Spring entstanden, konnte sie kaum jemand spielen, heute gehören sie zum Standartrepertoire.

Das Werk für und mit Hackbrett ist gewaltig. 17 Werke für Hackbrett solo, 15 für Hackbrett Duo bis Quartett, 11 für Hackbrett mit anderen Instrumenten bis zu dem Orchesterwerk Vorerinnerung und 9 Vokalwerke mit Hackbrett. Dazu 37 Bearbeitungen mit Hackbrett von W.A. Mozart, Franz Schubert, Dimitri Schostakowitsch, Jean Sibelius und anderen bis Astor Piazzolla und John Lennon/Paul McCartney.

Rudi Spring ist am 28.Dezember 2025 im Alter von 63 Jahren verstorben.

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Zur Interpretation originaler Salteriosonaten des 18. Jahrhunderts